Forschungsstelle Jeremias Gotthelf

Titelbild: Forschungsstelle Jeremias Gotthelf

Die Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke und Briefe von Jeremias Gotthelf und weitere Projekte

Das Gesamtwerk von Albert Bitzius, der sich als Volksschriftsteller auch Jeremias Gotthelf nannte, wird an der Forschungsstelle Jeremias Gotthelf erstmals in grösstmöglicher Vollständigkeit kritisch ediert. Die Edition stellt das zentrale Projekt der Forschungsstelle dar. Zugleich nutzen wir Synergien zu weiteren Forschungsthemen zur Schweizer Literatur, Kultur und Geschichte des 19. Jahrhunderts.

Die Forschungsstelle versteht sich als Institution der Erforschung der politischen, kultur-, literatur- und mediengeschichtlichen Kontexte, in denen das Werk von Jeremias Gotthelf entstand und auf welche es in vielfacher Weise bezogen ist und kommentierend wieder bezogen werden muss. So unterstützt die Forschungsstelle weitere Editionsvorhaben (etwa zum literarischen und publizistischen Werk von Alfred Hartmann) und sie ist am IFK Religious Conflicts And Coping Strategies der Universität Bern beteiligt.

Aktuell

Erschienen: der erste Textband der Uli-Romane

Die 1830er-Jahre waren im bernerischen Emmental eine soziale Krisenzeit. Die große Mehrheit der ländlichen Dienstboten und Tagelöhner lebte in drückender Armut. Diese «Armennoth» griff Gotthelf in seiner gleichnamigen sozialpolitischen Schrift von 1840 auf. Er propagiert darin die christliche Lehre vom Haus als Mittel der Armutsbekämpfung: Der bäuerliche Hausherr sollte gegenüber seinen Bediensteten wie ein Vater auftreten und sie zu späterer Selbständigkeit anleiten, das Gesinde seinerseits sollte gehorsam und treu dienen.
Der 1841 in Zürich und Frauenfeld im Verlag von Christian Beyel erschienene Roman «Wie Uli, der Knecht, glücklich wird» spielt die in der «Armennoth» skizzierte Erziehung exemplarisch am Protagonisten durch: Unter Anleitung seines überaus frommen Meisters gelingt dem Waisenkind Uli ein beispielloser sozialer Aufstieg vom armen, verschuldeten Knecht zum Pächter eines der größten Höfe im ganzen Bernerland. Der Roman vereint Elemente des Bildungsromans mit solchen der alten christlichen Form der Bekehrungsgeschichten. Obwohl er durchaus zu erkennen gibt, dass Ulis Werdegang ganz und gar außerordentlich ist, monierten zeitgenössische Kritiker, das Buch mache armen Mägden und Knechten falsche Glücksversprechen.Nach der sehr erfolgreichen Edition im Berliner Verlag von Julius Springer (1846), die im Gegensatz zur Beyel-Ausgabe eine Kapiteleinteilung aufwies, avancierte der «Uli» zu Gotthelfs «bekannteste[m]» Roman (Hanns Peter Holl), seinem «klassische[n] Buch» (Walter Muschg).
Die längste Zeit war sowohl für die Forschung wie auch für Lizenz- und Taschenbuchausgaben allerdings die Textfassung der »Sämtlichen Werke« von 1921 maßgeblich, obwohl diese Ausgabe weder den Originaltext der Beyel- noch denjenigen der Springer-Ausgabe bietet. Sie beruhte zwar auf dem bei Beyel erschienenen Text, übernahm aus der Springer-Ausgabe aber die Kapiteleinteilung; außerdem wurden Orthografie und Interpunktion modernisiert und Dialektschreibweisen vereinheitlicht. Mit der von Barbara Berger herausgegebenen HKG-Edition ist der erste »Uli«-Roman, von dem kein Manuskript überliefert ist, nun endlich wieder im unverfälschten Wortlaut der bei Beyel erschienenen Erstausgabe lesbar.

23.06.21 Jeremias Gotthelf Edition
11.04.21 Meinrad Lienert Edition

Neuer Alfred Hartmann Band

PD Dr. Jesko Reiling hat in Zusammenarbeit mit Eveline Wermelinger die «Kiltabend-Geschichten» des Solothurner Schriftstellers Alfred Hartmann (1814–1897) in der Reihe «Schweizer Texte» des Chronos-Verlages publiziert; bereits 2015 erschien in derselben Reihe Hartmanns Roman «Meister Putsch und seine Gesellen».
Alfred Hartmann galt im 19. Jahrhundert als einer der bedeutendsten Schweizer Autoren. Seine Zeitgenossen hielten ihn für den solothurnischen Jeremias Gotthelf; mit seinen «Kiltabend-­Geschichten» begründete er seinen literarischen Ruf.
In seinen vorwiegend im solothurnischen Jura spielenden Dorf­geschichten bietet er ebenso heitere wie tragische Einblicke in das Leben des Landvolks und berührt viele Facetten des Alltags. Generationen­konflikte, Partnersuche der Landjugend, gesellschaftliche Probleme wie Armut, Alkoholismus oder soziale Spannungen zwischen Stadt und Land werden geschildert, aber auch humoris­tische Eskapaden des Soldatenlebens während des Sonderbundskriegs gezeigt oder unheimliche Volkssagen berichtet.
Die Neuedition der «Kiltabend-Geschichten» enthält einen Stellen­kommentar und ein Nachwort von Jesko Reiling, das die Konstellationen des literarischen Feldes im 19. Jahrhundert erläutert und die in den 1840er-Jahren rasch populär gewordene Gattung der Dorfgeschichte beschreibt. Zudem wird die zeitgenössische Rezeption der Erzäh­lungen vorgestellt.

11.04.21 Alfred Hartmann Edition Dorfgeschichten

Wieder ist ein Textband publiziert

Jeremias Gotthelf erzählt in diesem Roman die Geschichte der Wirtin Eisi, welche nach dem durch die Trunksucht verursachten Tod ihres Mannes mit ihrem heruntergewirtschafteten Wirtshaus „vergeltstagt“ wird. Das Wirtshaus steht „auf der Gnepfi“ („auf der Kippe“), eine treffende fiktive Ortsbezeichnung für den schwankenden ökonomischen Zustand, in dem es sich befindet. Doch nicht nur der Finanzhaushalt, sondern auch der moralische Zustand des Wirtepaars ist zweifelhaft. Aufgrund der haltlosen Geschäfts- und Lebensführung muss die Witwe das verschuldete Wirtshaus einem Nachlassverfahren unterziehen lassen und geht schliesslich Konkurs.
Das Wort „Wirthschaft“ bezeichnet bekanntlich nicht nur die Ökonomie im Allgemeinen, sondern auch eine Einrichtung zum Verzehr von Speis und Trank. Ausgehend vom konkreten Erfahrungsraum eines Gasthauses überführt Gotthelf den lehrhaften Gehalt des Romans in aufklärungskritische Kommentare.
Den Grund für das Debakel „auf der Gnepfi“ sieht er erstens in der „neumodischen“ Bildung, die als oberflächliche Schnellbleiche Hochmut und Hoffahrt fördere und den echten Bildungsauftrag des Lebens verpasse.
Zweitens kritisiert Gotthelf das liberale Menschenbild des Radikalismus, das am Bedürfnis des Menschen nach Gesetzen vorbeiziele. Dies gelte gerade auch für Wirtshäuser, die mit dem Alkoholausschank zum schädlichen Zeitvertreib einlüden und als verfehlte Bildungsstätten dienten. Dabei beanstandet er neben den verheerenden individuellen und sozialen Auswirkungen auch die Folgen für die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt.
Dass in der „neumodischen“ Lebensführung vieler Menschen sozusagen Hopfen und Malz verloren sind, wird an der Causa auf der Gnepfi exemplarisch vorgeführt. Am Ende bleibt die Hoffnung, dass eine neue Generation heranwachse, die sich von den Altvätern bilden lässt.

Die neue Edition des Romans verantwortet Barbara Berger.

30.03.21 Jeremias Gotthelf Edition

Neuer Textband publiziert

Im Dezember 2020 ist der Textband C.1.1, "Bilder und Sagen aus der Schweiz", erschienen, welcher die gedruckte Erstausgabe dieser bekannten Erzählsammlung wiedergibt, welche u.a. die bekannten historischen Novellen "Die schwarze Spinne", "Der letzte Thorberger" und "Die Gründung Burgdorfs" enthält.
Als Besonderheit gibt der Band der Roman "Geld und Geist" erstmals wieder in seiner ursprünglichen Form als Fortsetzungsroman in drei Teilen wieder. Gotthelf hatte den Roman offenbar auf Drängen der Leser*innen jeweils um einen weiteren Teil erweitert. Insbesondere der erste Teil könnte entsprechend auch als eine in sich abgeschlossene Novelle gelesen werden.
Der nun vorgelegte Band enthält zudem teils integrale, teils im Apparat verzeichnete Abweichungen andere Textfassungen der Erzählungen.
Der Band ist von Barbara Berger und Christian von Zimmermann editorisch geleitet und herausgegeben worden.

16.12.20
27.10.20 Jeremias Gotthelf Soziale Frage Pauperismus
21.04.20 Hochschule der Künste Digitale Edition Kooperationsprojekt
28.04.20 Gotthelf Zentrum Lützelflüh Digitale Lehre
21.04.20 Roland Reichen Literatur Neuerscheinung
16.03.20 Jeremias Gotthelf Wortfächer

Kommentierung in gedruckten und digitalen Briefausgaben. In: Beihefte zu editio 47 (2020), S. 159–174.

Anhand ausgewählter gedruckter und digitaler Briefeditionen untersucht Patricia Zihlmann in ihrem Aufsatz die durch den Medienwechsel hervorgerufenen Veränderungen in der Kommentierung. Auswirkungen lassen sich sowohl auf der Präsentations- als auch auf einer inhaltlichen Ebene ausmachen. Insbesondere die Ersetzung einer umfassenden, auf eine konkrete Stelle zugeschnittenen Kommentierung durch standardisierte Verlinkungen mit externen Ressourcen werden dabei durchaus kritisch bewertet.

17.03.20 Editionsphilologie Digitale Editorik

Gotthelfs Jacob in der Region Basel

Im Dezemberheft der "Baselbieter Heimatblätter" (84. Jahrgang) ist Patricia Zihlmanns Aufsatz "Wie Jeremias Gotthelf einen Handwerksgesellen durch die Region Basel wandern lässt" erschienen. Gegenstand ist Gotthelfs Roman "Jacobs, eines Handwerksgesellen, Wanderungen durch die Schweiz", der bereits in Text und Kommentar in der unserer Edition als Band A.6.1/2 vorliegt.

13.12.19 Jeremias Gotthelf Publikation

Das Manuskript der "Schwarzen Spinne"

Als neuester Band der Historisch-Kritischen Gesamtausgabe sind die Handschriften zum Erzählband "Bilder und Sagen aus der Schweiz" erschienen. Der Band bietet die genetische Edition der einzigen drei Handschriften dieses Textkonvoluts. Dabei handelt es sich um die ersten Fassungen der Novellen "Die Gründung Burgdorfs" und "Der Druide" sowie um die mit zahlreichen Autorkorrekturen versehene Druckvorlage der Novelle "Die schwarze Spinne".
Diese wichtigen Handschriften sind unter der verantwortlichen Herausgeberschaft von Dr. Manuela Heiniger in Zusammenarbeit mit Oliver Käsermann und weiteren Textphilolog*innen der Forschungsstelle transkribiert und textgenetisch ediert worden. Als Besonderheit im Rahmen der Werkausgabe bietet dieser Band die vollständigen Faksimiles der Manuskripte. Durch das besondere Grossformat des Bandes sind die Faksimiles hervorragend zu lesen.
Mit herzlichem Dank an die Bearbeiter*innen, an den Verlag und die technischen Projektpartner freut sich die Forschungsstelle, diesen Band nun der Öffentlichkeit vorlegen zu können.

27.11.19 Jeremias Gotthelf Die schwarze Spinne Edition
17.10.19 Roland Reichen Interview
16.10.19

Alfred Hartmann-Essay

Zur Vernissage der Neuedition von Alfred Hartmanns panoramatischem Roman "Meister Putsch und seine Gesellen" über die turbulenten 1840er-Jahre haben Patricia Zihlmann und Christian von Zimmermann den Roman in Vorträgen gewürdigt. Als Heft 6 in der "Kleinen Reihe" der Schriften der Zentralbibliothek Solothurn sind diese Vorträge nun in erweiterter Form erschienen.
Die Autorin und der Autor danken Verena Bider für die Aufnahme in die Reihe sowie Nationalrat und Stadtpräsident Kurt Fluri für ein Geleitwort.

01.05.19 Alfred Hartmann

Textband Vereinsschriften – Armennoth erschienen

„Die Schweiz ist das Land der Vereine“, erklärte Albert Bitzius (Jeremias Gotthelf), als er im Dezember 1849 eine Vereinigung „der Dichter der Schweiz“ vorschlug. Der Volksschriftsteller engagierte sich seit seiner Studienzeit in Vereinen und schrieb auf Bitten eidgenössischer und deutscher Volksbildungsvereine mehrere Erzählungen und zwei Romane.
Seine Schriften zum Armenwesen (1838-1851) und zu den nationalen Schützenfesten von 1842 und 1844, Reden zu patriotischen Feiern sowie kurze Ansprachen vor lokalen Vereinen zeugen von sozialpolitischen Zielen, die Bitzius seit seiner Mitwirkung an der Berner Regeneration mit J. H. Zschokke, Ph. E. von Fellenberg und den für Schulwesen und Armenpflege Verantwortlichen teilte. Dabei strebte Bitzius nach direktem Wirken und konkreten Maßnahmen auf Gemeindeebene. So leitete er seit 1835 gemeinsam mit Gleichgesinnten im Bezirksverein für christliche Volksbildung eine Armenerziehungsanstalt. Dieser beauftragte ihn mit einer Werbeschrift für die Armenerziehung, angesichts der Sparsamkeit der Bauern keine leichte Aufgabe. Das Ergebnis, die „Armennoth“, ist zugleich Kampfansage an den Kinderverding und Erfolgsbericht der vom Kanton geförderten und bis 1872 bestehenden Trachselwalder Anstalt.
In seinen Festschriften für den schweizerischen Schützenverein (1842, 21844) appellierte Bitzius an das eidgenössische Nationalgefühl, in dem Bewunderung für die Tugenden der alten Helden und Treue zu traditionellen Werten zum Ausdruck kämen. Wenn sich alle patriotischen Vereine mit denen der Schützen überregional vereinigen würden, könnte „das Schützenfest zum eigentlichen königlichen Nationalfest“ werden. Opferbereitschaft für das Gemeinwesen forderte schon der Vikar an der Heiliggeistkirche als republikanische Pflicht. Vor dem Berner Burgerleist plädierte er für soziale Verantwortung. Der Leist möge sich an der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft orientieren, weil sie Volksbildung und Armenpflege verbessern wollte.
Nicht nur die Edition von Gotthelfs Manuskriptfassungen, sondern erstmals die synoptische Darstellung verschiedener Druckauflagen macht sein Streben nach optimaler Wirkung seiner politischen Ideen sichtbar.
Der Band wurde von Dr. Silvio Raciti in Zusammenarbeit mit Barbara Berger herausgegeben.

08.03.19 Jeremias Gotthelf

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