Forschungsstelle Jeremias Gotthelf

Gotthelf-Edition

Die Arbeit an der historisch-kritischen Gesamtedition der Werke und Briefe von Jeremias Gotthelf fördert immer wieder neue Dokumente zu Tage, führt zu neuen Einsichten in das Werk und liefert nicht zuletzt zahlreiche kleine Nebenfunde (manch Kurioses). Einiges davon bereichert unsere Kenntnis von Leben, Amtstätigkeit und literarischem Schreiben Gotthelfs, manches bereichert einfach den Alltag der Editor*innen. 

Gerne möchten wir solche Funde mit Ihnen teilen.

Funde und Mitteilungen aus unserer Arbeit

Confidentielle Mittheilung an den Pfarrer von Lützelflüh (post scriptum)

Confidentielle Mittheilung oder Des Kantons Bern brave und wackere Töchter

Idealvorstellungen über die Ehe und Ehefrau in der patriarchal geprägten Gesellschaft des 19. Jahrhunderts nehmen in Gotthelfs Werk einen prominenten Platz ein. Seine starken weiblichen Figuren sind belastbar, fromm und tüchtig. Zudem füllen sie ihre, dem Ehemann untergeordnete Rolle vorbildlich und mit Freuden aus. Eine „Confidentielle Mittheilung“ an Bitzius aus der Burgerbibliothek Bern zeigt, dass solche Frauen realiter aktiv gesucht wurden.

Unter N Jeremias Gotthelf 28.8.17 findet sich ein Brief vom 19. Februar 1850 von einem dem Pfarrer wohl nicht weiter bekannten Herrn Sulser aus Azmoos, St. Gallen. Dieser bittet – für einen anonym bleibenden Freund – um Hilfe bei der Brautschau. Grund für die Anfrage sei die intensive Lektüre von Gotthelfs Romanen, unter anderem ‚Anne Bäbi‘. Zudem habe der künftige Bräutigam bei einer Reise durch den Kanton Bern gehört, „daß es in diesem sehr brave und wackere Töchtern gebe, die sich [...] nicht nur in andere Cantone, sondern sogar in’s Ausland verheirathen“ würden.

Die Vorzüge des Heiratswilligen legt der Absender ebenfalls dar und verbindet sie geschickt mit einiger Werbung für den neuen Wohnort der Braut in spe (Pfäfers in St. Gallen). Demnach suche: Ein stattlicher und begüterter Mann in seinen Dreissigern und von bester Gesundheit, auf keinen Fall eine „Coquette“, sondern eine „rüstige Witfrau (ohne Kinder)“ oder eine nicht allzu junge Bauerstochter (nach Möglichkeit evangelischer Konfession). Neben einem Vermögen von wenigstens 20.000 bis 25.000 Gulden („theils wegen renommé, theils auch der gegenwärtig stürmischen Zeiten wegen“) solle die Wunschkandidatin vor allem über Geschick für die Haushaltsführung verfügen, robust sein sowie sich ihrem Mann gegenüber liebenswürdig und brav verhalten. Kurzum eine Frau, die „so ungefähr à la Jakoblis Meieli“ sei.

29.06.20 Jeremias Gotthelf Ehe Genderkonzepte

Beim Barte des Politikers

Ist die Barttracht heute eine weitgehend modische Angelegenheit, war sie bekanntlich im 19. Jh. ein Zeichen im politischen Diskurs. In den Briefen Karl Rudolf Hagenbachs, Theologieprofessor und Grossrat in Basel, an Albert Bitzius (Burgerbibliothek Bern Nachlass Jeremias Gotthelf 25.4.15), die auf politische Ereignisse Bezug nehmen, ging die Nennung der Gesichtsbehaarung und der politischen Tendenz Hand in Hand. Als Karl Brenner, Anhänger der radikal-liberalen Bewegung, nach verbüsster Haftstrafe wegen Teilnahme an den Freischarenzügen entlassen wurde, schrieb Hagenbach am 8. März 1845: „Da hatte d. Freischaardoctor Brenner mit dem Barte 4 Wochen versessen, u. nun holte ihn das radicale Gesindel mit Blechmusik ab“. Die Bezeichnung des Bartes eskalierte mit den politischen Konflikten. Am 18. Oktober 1848 berichtete Hagenbach – den „Culminationspunkt der Cannibalen-Humanität u. des Zigeuner-Liberalismus“ feststellend und Basel im „allgemeinen Sudelzüber des Proletarierthums“ vermutend, da er sich im neugewählten Grossen Rats Basels von Leuten umgeben sah, die „man sonst an dem Schwanz der res publica zu sehen gewohnt war“ – im Hinblick auf die erste Wahl im Bundesstaat, dass „Brenner mit dem Schmerrleib u. dem Urwald-Bart als Nationalraht aus der Wahlurne hervorsteigen werde“. Brenner unterlag jedoch in der Wahl. Am 26. Februar 1849 berichtete Hagenbach vom Fasnachtsumzug, der das Revolutionsjahr 1848 thematisierte und unter anderem eine „Democratenmühle, in welche gekrönte u. bezopfte Häupter obenein geworfen u. mit Schnäuzen u. Bärten wieder herauskommen“ präsentierte. Die Assoziation von Barttracht und politischer Tendenz war allgemein verständlich.
(Bildnachweis: Ausschnitt aus: Fasnachtsumzug 1849, Stich F. Hegar, Basel, in: D’Basler Fasnacht, Basel 1939, S. 121)

22.12.19 Barttracht Jeremias Gotthelf Karl Rudolf Hagenbach

Schriftvorlagen für Henriette Bitzius

Erst 1995 gelangte ein Brief des Thurgauer Theologen und Pädagogen Johannes Pupikofer in die Burgerbibliothek und wurde seither in einer nicht näher erschlossenen Schachtel aufbewahrt. Von der Forschung bislang nicht zur Kenntnis genommen ist er nun im Rahmen der Gotthelf-Edition ‘entdeckt’ worden.
In den 1830er-Jahren Lehrer in Sumiswald, ist Pupikofer häufig Gast im Lützelflüher Pfarrhaus, bevor er in den 1840er-Jahren in den Thurgau zurückkehrt, wo sein bekannterer Bruder Johann Adam als Theologe und Historiograph wirkt. In seinem Brief vom 22. Juli 1839 an Albert Bitzius kommt Johannes Pupikofer einem Wunsch von Henriette Bitzius nach und skizziert Ideen für einen vorbildlichen Lese- und Schreibunterricht. Beispielhaft notiert er Schriftvorlagen in einer “geradlinigen Schrift”, die vom Kind gut nachgebildet werden könnten (siehe Abbildung), und empfiehlt den Einsatz beweglicher Holz- oder Kartonbuchstaben, mit denen das Kind verschiedene Wörter bilden dürfe, "wodurch Abwechslung u Thätigkeit u Trieb u Lust zum Lernen im Kinde erwacht." Pupikofer ermutigt Henriette Bitzius, ihren eigenen Unterrichtsweg zu suchen, denn "die Freude, ihn mehr oder weniger selbständig gefunden zu haben, wäre gewiß für die Mutter unbeschreiblich." Für Pupikofer scheint es naheliegend, dass Henriette Bitzius sich durch ihren Mann anleiten liesse, so schreibt er Albert Bitzius: "an der Stelle der Frau Pfarrer würde ich nicht ruhen, bis Sie mir zu jeder Lektion in der Zurüstung des nöthigen Apparates, in Ertheilung von Rath etc. an die Hand gegangen." (Burgerbibliothek Bern, Nachlass Jeremias Gotthelf 45.)

16.08.19 Jeremias Gotthelf Brieffund

Gotthelf als Beiträger für Johann Konrad Zellwegers Werk über die schweizerischen Armenschulen?

Immer wieder wurde vermutet, dass Gotthelf in Johann Konrad Zellwegers Überblicksdarstellung “Die schweizerischen Armenschulen nach Fellenbergischen Grundsätzen” (1845) das Kapitel zur Armenerziehungsanstalt Trachselwald schrieb, die er mitbegründet und für die er in der Schrift Die Armennoth (Erstauflage 1840) geworben hatte. Schriftliche Belege für eine Autorschaft Gotthelfs gibt es jedoch keine. Vom Editionsteam ist nun in der Burgerbibliothek Bern ein bislang unedierter Brief Zellwegers an Albert Bitzius vom 30. November 1844 wieder aufgefunden worden, in dem Zellweger über den Brand an der von ihm geleiteten Anstalt Schurtanne in Trogen am 2. September 1844 klagt: Ihm habe “das furchtbare Brandunglück bis auf das geringfügigste Billet herab alle Papiere, folglich auch ihre Arbeit und alle übrigen Materialien zu meiner Schrift geraubt”. Den Beitrag, der ihm von Bitzius zwei Jahre zuvor auf seine Bitte hin übermittelt worden wäre, habe an einer Versammlung der Appenzeller Gemeinnützigen Gesellschaft “als Vorlesung den Beifall der Zuhörer gefunden”. Zellweger ersucht Bitzius schliesslich darum, die Arbeit nochmals zu schreiben: “Sie arbeiten so leicht, wie kein Anderer, kennen diese Anstalt durch und durch und verstehen absonderlich die große Kunst der gefälligen Darstellung.” (Burgerbibliothek Bern, Nachlass Jeremias Gotthelf 45.) Ob Bitzius der Bitte nachgekommen ist und wie eine allfällige Schrift durch Zellweger für die Publikation umgearbeitet oder übernommen worden ist, bleibt freilich trotz dieses Briefes offen. Vielleicht werden in den nächsten Jahren weitere Dokumente aufgefunden, die Aufschluss hierzu geben?

16.08.19 Jeremias Gotthelf Brieffunde
13.09.19 Jeremias Gotthelf Erlebnisse eines Schuldenbauers

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